Bonusmaterial Ich-Kraft

Bonusmaterial aus Kapitel 4: Meine Ich-Kraft stärken

4.4 Meine Wandlungsfähigkeit

Indigener Humor – Selbstironie als Kompetenz

Bei unseren Kontakten mit indigenen Kulturen haben wir die Menschen dort als höchst humorvoll erlebt. Davon wollen wir hier einige Kostproben geben. Aus westlichem Munde klingen manche der nachfolgenden humoristischen Bemerkungen beinahe rassistisch. Aus dem Munde von selbstbewussten und reflektierten Eldern der Aborigines wird die feine Selbstironie in den scheinbar platten Witzen deutlich.

  • Der folgende Witz ist in den entscheidenden Stellen auf Englisch: Ein weißer Mann und sein Freund – in der Original-Erzählung als „Blackfella“ (schwarzer Gefährte/Bursche) bezeichnet – gehen regelmäßig am Haus einer alten Witwe vorbei. Der weiße Mann sagt nach einem kurzen Schwätzchen mit der Witwe zum Abschluss immer die aufmunternden Worte: „Keep your heart up – and don’t let it sink.“ (sinngemäß: „Lasse dein Herz nicht sinken.“). Der „Blackfella“ ist eher ein schweigsamer Typ und sein Englisch ist auch nicht das Beste, sodass er jeweils nur nickt. So geht es Monat um Monat, Jahr für Jahr. Doch eines Tages wird der weiße Mann krank, und der Aborigine muss die Tour alleine gehen. Er fühlt sich verpflichtet, die alte Witwe trotzdem zu besuchen. Nach einigen radebrechenden Worten und dem Versuch einer Konversation sagt er zur Verabschiedung – und in wohlgemeinter Imitation des weißen Mannes: „Keep your arse up – and don’t let it stink!“ („Halte deinen Hintern hoch – und lasse ihn nicht stinken!“). – Nachdem uns zwei Elder diesen Witz vorgetragen hatten, begannen beide prustend zu lachen. Die unvermittelte Derbheit des Witzes und das politisch völlig unkorrekte Spiel mit dem Klischee, dass Aborigines kein gutes Englisch sprächen, ließ uns einen kurzen Moment stocken, bevor wir in das Lachen einfallen konnten. Diese Anekdote hat uns in besonderer Weise verdeutlicht, welche unglaubliche Ressource der selbstironische Humor sein kann – vor allem für Menschen, die sich in einer schwierigen oder sogar benachteiligten Lage befinden. Und die Benachteiligung der indigenen Völker ist in Australien immer noch ein schwerwiegendes Problem, das unterhalb der Oberfläche tief durch die Gesellschaft geht.
  • Auch wir selbst wurden schon mit dem speziellen Humor „begünstigt“: Als wir mit dem Elder über die Gefahren der Krokodile in den Gewässern sprachen, sagte er mit besorgter Miene, dass manche Exemplare tatsächlich aus dem Wasser ans Ufer sprängen und dort auf zwei Beinen ihre Opfer verfolgten. Wir brauchten einen Moment des ungläubigen Erschreckens, bis wir erkannten, dass wir einem Streich aufgesessen waren. Der Elder lachte prustend los und konnte sich ob unserer Gesichtsausdrücke kaum einkriegen.
  • Während unserer Begegnungen mit den Eldern am Lagerfeuer sprachen wir über das Thema der traditionellen Überlebenstechniken indigener Gesellschaften Australiens in den verschiedenen Klimazonen. Auf Tasmanien beispielsweise kann es schneien und deutlich unter null Grad kalt werden. Wir fragten: „Was macht ihr, wenn es in der Nacht besonders kalt wird?“ – Die Elder sahen sich kurz an und einer sagte: „We wait for the sun to come out!“ („Wir warten, bis die Sonne raus kommt!“). Dem gelungenen Scherz folgte eine Lachsalve der Elder.

Schmerzfrei mit Scherz

Zu Beginn der 2000er-Jahre kam die Sendung „Jackass“ im Musiksender MTV ins Fernsehen. Später folgten mehrere Kino-Filme. Gezeigt wurden gefährliche oder selbstverletzende Mutproben, die in aller Regel höchst schmerzhaft oder ekelerregend für die beteiligten Protagonisten waren: Stöße in die Weichteile, gebrochene Nasen oder Rippen, Verstauchungen oder starke Prellungen waren keine Seltenheit. Wenn man die Sinnhaftigkeit dieser Art von Unterhaltung mal beiseitelässt, so ist doch bemerkenswert, wie die Protagonisten mit Schmerz (oder Ekel) umgegangen sind. Alle waren professionelle Stuntmen – doch die gezeigten Szenen sicher echt und damit äußerst schmerzhaft. Den jungen Männern waren die Schmerzen sichtbar anzusehen. Und gleichzeitig lachten sie sich in fast jeder Szene anschließend „schlapp“. Dieses Phänomen des „Weglachens“ von Schmerzen kann auch in vielen YouTube-Videos beobachtet werden. Trotz offensichtlich schmerzhafter Missgeschicke und Unfälle gelingt es manchen Opfern, ihren Schmerz in Lachen zu überführen. Es gibt ebenso zahlreiche Gegenbeispiele, in denen der Schmerz mit dem offenen Zeigen von Leiden, Mitleiden und Kümmern verbunden ist. Doch manchen Menschen gelingt es offenbar, auch ohne diese an sich sehr nachvollziehbaren Bekundungen auszukommen. Die geheime Zutat dieses Erfolges scheint in der Aufrechterhaltung des Humors zu liegen.

Eine Kultur des Lachens wirkt der schmerzlichen Erfahrung entgegen.